Gründerkirchenpilger Markus Winter

Markus Winter ist mit dem Fahrrad nach Rom gepilgert zu einer Audienz beim Papst. Er ist gebürtiger Westfale, jetzt in Frankfurt zuhause, war gelernter Kinderkrankenpfleger und arbeitet in der Bankenbranche. Sich selbst bezeichnet er als katholisch aus Liebe, Lust und Leidenschaft.

Tage wie diese...

Lena schaut in den Spiegel: Lidschatten in zartem Gelb und seitlich ein Hauch Rosé. Das gefällt ihr. Sie schaut rüber zu Anna, zeigt auf die hellere Farbe für die Augen und sagt: „Probier es!“ Judith, Paula, Rike, Sabrina und Marie nicken und tuscheln, lächeln und drehen den Spiegel hin und her, wühlen in dem Haufen aus Paletten und Stiften: „Master Blush“, „Full Lashes“, „Perfect Match“. Gelächter, die Wimperntusche kitzelt. Rouge wird herumgereicht. Es riecht nach Rosen, nach Leben und aus dem Lautsprecher dröhnen „Die Toten Hosen“: Tage wie diese …

Im Raum ist noch ein anderer Duft, beißend, süßlich: Aseptoman – Desinfektionsmittel. Alles hier muss steril sein: Tische, Stühle, Regale, sogar der Linoleumboden. Die sieben Mädchen sitzen im Aufenthaltsraum der Kinder- und Jugendonkologie der Uniklinik Frankfurt. In einem Regal stapeln sich Brettspiele. An der Tür kleben Schmetterlinge, Elefanten, Löwen, Tiger und lustige Clowns  – selbst gemalt, in verschiedenen Farben und Farbnuancen.

Als Lena den Raum betrat, hat sie Mundschutz und Basecap abgelegt. Die Sechzehnjährige ist gerade nicht auf Station, sie darf nach dem Schminkkurs die Klinik wieder verlassen. Nur wenn die Körpertemperatur steigt, wenn sie Fieber hat, muss sie bleiben. Die Tasche dafür steht immer zu Hause, ist immer gepackt und griffbereit. Dann ist sie wieder ein paar Tage oder Wochen hier. Zusammen mit anderen Jugendlichen und zahlreichen Kindern; die Jüngste ist drei, der Älteste siebzehn Jahre.

Lena weiß, dass sie den Krebs nicht wegschminken kann. „Es ist schwer“, sagt sie, „einen Körper zu lieben, der einen verraten hat, der die falschen Zellen wuchern lässt.“ In der Tat: Die Krankheit hinterlässt bei den Kindern und Jugendlichen deutliche Spuren: die Haare fallen aus, die Haut ist aschfahl, die Muskelmasse nimmt ab, die Kräfte schwinden. Übelkeit und Erbrechen, Fieber, Schwindel, Krämpfe und Schmerzen sind unliebsame Begleiterscheinungen. Über allem schwebt wie ein Damoklesschwert unbändige Angst, sie begleitet die Kinder wie ein Schatten auf Schritt und Tritt. Auf der „Onko“, wie die Station im Klinikjargon heißt, gibt es Worte, die nur geflüstert werden: „Sterben“, zum Beispiel, oder „Rezidiv“ – Rückfall.

Trotz allem oder gerade deshalb machen sich die Kinder und Jugendlichen gegenseitig Mut: GIB-NICHT-AUF! Dies gilt erst recht, wenn sie nach Operationen, intensiven Behandlungen wie Knochenmarkpunktionen und zahlreichen Chemotherapien äußerst geschwächt und von den Strapazen sichtlich gezeichnet sind. Wie kräftezehrend die Krankheit sein kann, davon können auch Sarah und Leonie ein Lied singen. Mit fünf und sieben Jahren gehören sie zu den jüngeren Patienten auf der Station. Beide hat es schwer getroffen; beide sind unheilbar krank. Sarah und Leonie wissen, dass böse Zellen in ihrem Körper drängeln, schubsen, herumpoltern und sich vermehren. „Zum Glück gibt es die tapferen Chemoritter“, sagt Leonie, „die alle bösen Zellen besiegen sollen.“ Die Prognosen sind jedoch alles andere als rosig. Aus medizinischer Sicht gibt es für Sarah und Leonie kaum noch eine Überlebenschance. Ihre Eltern klammern sich an jedem Strohhalm, hoffen auf ein Wunder. Mit Sarah und Leonie spreche ich ganz unverblümt über das Sterben und den Tod. Manchmal spüren die Mädchen, dass die Engel im Himmel schon alles für sie vorbereitet haben. Dann falten wir die Hände und sprechen ein Gebet. Sarah betet dabei gerne für ihre Mama; Jesus möge bitte dafür sorgen, dass die Mama nicht traurig ist und nicht so oft weinen muss. Leonie sorgt sich um ihre kleine Schwester, die vierjährige Annika, die zwar gesund und quietschfidel ist, aber ihre große Schwester sehr vermissen würde, sollte Leonie den Kampf gegen die bösen Zellen verlieren. Um Annika zu trösten, hatte Leonie unlängst folgende Idee: „Wenn ich im Himmel bin“, sagte sie, „dann bohre ich ein Loch durch die Wolken und rutsche wieder auf die Erde.“ Da musste selbst Annika lachen.

Sarah und Leonie sind unsagbar tapfer, sie kämpfen wie kleine Tiger und haben einen Lebenswillen, der scheinbar nicht tot zu kriegen ist. Woher Sarah und Leonie die Kraft und den Mut nehmen, der tückischen Krankheit die Stirn zu bieten und nicht aufzugeben – das ist und bleibt wohl ihr Geheimnis. Fest steht: Ihre Lebensfreude ist einfach nur ansteckend. Ich habe Sarah und Leonie viel zu verdanken. Schließlich habe ich ihnen versprochen, etwas zu tun, was ich noch nie getan habe: mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Rom zu fahren, in die Ewige Stadt, die niemals schläft. Ich habe Sarah und Leonie mein Ehrenwort gegeben, dass ich kämpfen und vor allem nicht aufgeben werde.

Am 28. August, am Festtag des heiligen Augustinus, habe ich mich auf den Weg gemacht – allein, nur mit meinem Rennrad und leichtem Gepäck: Pflaster, Verbandsmaterial, Wäsche zum Wechseln, Zahnbürste und Geldbörse. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jeden Tag habe ich knapp 200 Kilometer zurückgelegt. Das Wetter zeigte seine volle Bandbreite: Sonnenschein mit nahezu sommerlichen Temperaturen, Stark- und Nieselregen, Donner und Blitz, leichter bis mäßiger Wind sowie heftiger Sturm, von der teils hohen Luftfeuchtigkeit ganz zu schweigen. Die Route führte mich über Schotterwege und Landstraßen mit Steigungen, die kein Ende nehmen wollten, durch große Städte, malerische Dörfer und atemberaubend schöne Landschaften. Die Beine wurden schwerer und schwerer, die Hand- und Schultergelenke schmerzten, unterwegs knurrte mir nicht selten der Magen. Ob ich es wirklich schaffen und mein Versprechen halten würde – der Geist war willig, aber das Fleisch war schwach. Die Versuchung, nach knapp tausend Kilometern aufzugeben, war groß.

Nach acht Tagen und 1.517 Kilometern hatte ich – wider Erwarten – mein Ziel erreicht: ROM, auf Italienisch ROMA, das rückwärts gelesen „AMOR“ (Liebe) heißt. Ich war erschöpft, aber überaus glücklich, vor allem dankbar. Dankbar, weil mich viele liebe Menschen in Gedanken auf dem Weg begleitet und für Sarah und Leonie gebetet haben – auch Papst Leo XIV., der mich am 7. September zu einer Audienz eingeladen hatte. Ja, ich zähle auf die Kraft des Gebets, weil es den Glauben stärkt, die Hoffnung nährt und das Feuer der Liebe entzündet. Ich glaube an Jesus Christus, von dem „eine Kraft ausging, die alle heilte“ (LK 6,19).

Um die Kraft des Gebets weiß auch Lena, die versucht, aus den schlechten Tagen gute zu machen. Und mit Lidschatten, einem Hauch von Glitzer auf den Lippen und Rouge auf den Wangen sieht sie gleich ganz anders aus, ein bisschen wie neu geboren. Sie legt den Kopf in den Nacken, schließt die Augen, lächelt sanft, strahlt vor Glück, feiert das Leben und singt mit den Toten Hosen: „An Tagen wie diesen … wünsch ich mir Unendlichkeit … nur das Beste … kein Ende in Sicht …“ Und alle stimmen in den Ohrwurm mit ein: Anna und Judith, Paula und Rieke, Sabrina und Marie. Und „wer singt“, schrieb einst der heilige Augustinus, „betet doppelt.“ Die Mädels singen voller Inbrunst. Ihr Gesang klingt, als würden sie laut zu Gott rufen: mal klagend, mal flehend, aber immer klingt es wie ein Gebet mit der Bitte um Heilung; sie bitten für sich, weil sie gesund werden wollen, und vor allem bitten sie für Sarah und Leonie, die in unseren Herzen eine Spur hinterlassen haben, die nie ganz verweht…

 

Autor: Markus Winter

 

Notabene: Am Rande meiner Audienz habe ich Papst Leo XIV. auch von der BVB-Gründerkirche erzählt, ebenso von der Nordstadt und nicht zuletzt von Borussia Dortmund und dem Erzbistum Paderborn, die gemeinsam als Team die BVB-Gründerkirche aus der Taufe heben werden. Im Gepäck hatte ich das neue Heimtrikot des BVB. Dieses Trikot hat Papst Leo XIV. gesegnet, signiert und mit einer Widmung versehen. Grazie, Papa Leone!