23.12.2025

Der BVB als „Weihnachtsengel 1919“

Erfahrt hier etwas über den Mythos der BVB-Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 1919 und stimmt euch auf die Festtage ein.

Wenn man die sprichwörtlichen Bauklötze wirklich staunen könnte, dann hätte Theodor Lepper, seit einem halben Jahr 2. Priester der Dreifaltigkeitskirche in der Flurstraße, dies am 4. Advent 1919 um 19.09 Uhr mit absoluter Sicherheit getan. Was war hier los? Er hatte bislang im Dortmunder Norden bereits einiges erlebt, aber das jetzt? Da kamen völlig unvermittelt drei ihm nicht ganz unbekannte Herren zu ihm ins Piushaus: Franz Jacobi, Heinrich Schwaben und August Busse. Der BVB-Präsident also und seine wichtigsten Mitarbeiter. Sie grüßten höflich, öffneten eine Geldkassette, holten ein großes, fast riesiges Bündel Fünf-Reichsmarkscheine hervor und begannen gemeinsam zu zählen. Jetzt waren sie bei 495 angelangt. 496, 497, 498, 499, 500, stellte Franz Jacobi fest, der offensichtliche Rädelsführer der Drei.

Völlig fassungslos fragte Lepper, was das alles zu bedeuten hätte?

 

Franz Jacobi lächelte verschmitzt und begann:

„Wie Sie ja wissen, Hochwürden, bin ich 1918 im Juli 30 Jahre alt geworden. Diesen runden Geburtstag haben wir im Kreise meiner Familie, so gut es während des Krieges ging, gefeiert. Auch mein Cousin Werner aus Hüsten war gekommen. Er hatte einen mehrjährigen Fronteinsatz hinter sich, war dabei ziemlich schwer verletzt worden und litt immer noch große Schmerzen. Werner ist Vereins-Präsident beim SV Neheim. Und als ich ihm erzählte, dass wir beim BVB in den letzten Jahren unseren Soldaten an der Front Monat für Monat Briefe geschrieben haben, um die Verbindung zur Heimat nicht abreißen zu lassen, und wie wir ihren Familien geholfen haben, war er sehr beeindruckt.

Nach Kriegsende mussten wir dann erleben, welche Not über die Menschen überall hereinbrach, welche menschlichen und materiellen Probleme auch die aus dem Krieg zurückgekehrten Soldaten erleiden mussten.

Und nach zwei, drei Gläschen Gerstensaft haben wir gemeinsam folgenden Plan ausgeheckt: Wie wäre es, wenn wir nach Kriegsende in Neheim ein Fußballspiel für genau diese Kriegsheimkehrer durchführen würden? Den Erlös würden wir dann teilen und Werners und meiner Kirchengemeinde zur Linderung der Not betroffener Familien schenken.“

 

Heinrich Schwaben nahm jetzt das Wort und ergänzte:

„Die Idee war ja gut, aber schwierig umzusetzen. Denn im November 1918 war zwar der Krieg vorbei, aber die Revolution der politischen Linken hatte natürlich auch uns, die Bergbau- Bier- und Stahlstadt Dortmund, erreicht. Auch hier gibt es ja nach wie vor die Arbeiter- und Soldatenräte, die anstelle der Stadtverwaltung das Sagen haben. Und das alles etwas unkoordiniert. Bei ihnen mussten wir eine Genehmigung für unser Vorhaben einzuholen, die Stadt mit zwei großen Lastwagen und den Spielern in Richtung Sauerland verlassen und auch wieder zurückkommen zu dürfen. Da ich gute Beziehungen habe, kümmerte ich mich darum. Man war sehr misstrauisch. Immerhin wollten wir ins Sauerland, das den Sozialisten traditionell negativ gegenüber eingestellt war und ist. Ich brauchte also große Überredungskraft. Aber es klappte. Als wir dann losfuhren, wurden wir noch vor der Stadtgrenze zweimal kontrolliert, ob wir denn vielleicht Lebensmittel aus der Stadt schmuggeln würden. Es war schon heftig!“

 

Dann war August Busse dran:

„Natürlich war die Teilnahme an der Aktion freiwillig. Wir konnten unsere Spieler nur bitten, mitzumachen. Aber das war kein Problem. Alle wollten dabei sein und waren regelrecht begeistert. Nur: Wie kamen wir an zwei Lastwagen für den Transport?

Hier half uns Ignatz Peters weiter, unser Bauunternehmer von nebenan. Er ist BVB-Mitglied, sehr sozial eingestellt und sagte spontan einen LKW zu. Es gab bei ihm zwar noch einen zweiten, allerdings mit defekter Transportfläche.

Nun bin ich ja Schlosser von Beruf. Also habe ich mir den Schaden angeschaut und konnte Entwarnung geben. Das bekam ich locker hin! Es kostete mich ein paar Wochenenden, aber das war es mir wert!

Und so kam es, dass wir Pfingstsonntag mit unseren zwei besten Mannschaften nach Hüsten fahren konnten, um dort unsere Spiele für die heimgekehrten Soldaten durchzuführen. Wir haben beide Begegnungen gewonnen. Die Ergebnisse behalten wir aber für uns. Sie sind absolut unwichtig.“

 

Und wieder Franz Jacobi:

„Eingenommen haben wir genau 5.000 Reichsmark. Ich bin also mit 2.500 einzelnen Markstücken aus Neheim zurück nach Dortmund gekommen. Um Sie, Hochwürden, nicht zu sehr zu schockieren, habe ich die Münzen in unserer Sparkasse am Alten Markt gestern in Fünferscheine umgewechselt.

Zunächst allerdings musste ich zuvor das ganze Geld beim Arbeiter- und Soldatenrat hinterlegen, der alles noch einmal monatelang überprüfte und erst vor einer Woche die Übergabe an Sie genehmigt hat.

Und hier ist es nun! Bitteschön.“

 

Pfarrer Theodor Lepper hatte sich mittlerweile innerlich gesammelt, verabschiedete sich kurz in den Keller, kam mit einer Flasche Rotwein zurück, entkorkte diese, schenkte jedem ein Glas ein und meinte:

„Heute ist der 4. Advent 1919. Genau vor zehn Jahren hast Du, Franz, mit deinen Freunden den BVB gegründet. Darauf und auf Eure großherzige Spende wollen wir anstoßen. Zum Wohle!”

 

Danach nahm er die Geldscheine gut gelaunt an sich.

„Schön, dass der BVB dieses soziale Herz hat. Ihr seid für mich die wahren “Weihnachtsengel” des Jahres 1919. Ich würde folgendes vorschlagen: Wir suchen jetzt gemeinsam besonders betroffene katholische und evangelische Familien aus und bringen bis Heiligabend jeder von ihnen in einem weihnachtlichen Umschlag 100 Mark, die sie dann unter den Weihnachtsbaum legen können!”

 

Gesagt, getan! Und so kam es, dass 25 Soldaten mit ihren Lieben am Heiligen Abend 1919 eine freudige Überraschung erlebten, weil der BVB das allererste Benefizspiel der Geschichte des deutschen Fußballs durchgeführt und sich damit selbst das schönste Geburtstagsgeschenk zum zehnjährigen Bestehen gemacht hatte!