Imagine …
London, die Hauptstadt Englands und des Vereinigten Königreichs, ist mit ca. 9 Millionen Einwohnern eine Weltstadt an der berühmten Themse im Südosten Englands. London ist eines der bedeutendsten Kultur- und Handelszentren der Welt mit zahlreichen Universitäten, Theatern und Museen. London ist einer der größten Finanzplätze der Welt und Touristenmagnet. London ist viel mehr als sein berühmter Tower und Big Ben, viel mehr als Westminster Abbey und das Riesenrad London Eye, viel mehr als nur der bekannteste Schauplatz im Rasentennis, viel mehr als das legendäre Wembley-Stadion und der Buckingham-Palast. London, das sind auch die Beatles: John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison. In dieser Stadt haben sie Spuren hinterlassen. Die „Beatles Magical Mystery London Walking Tour“ ist ein Muss für jeden Musikfan.
Am 1. Juni 2024, heute vor zwei Jahren, war Borussia Dortmund zu Gast in London. Tausende BVB-Fans waren in der Stadt auf den Beinen, ein Meer von Schwarz und Gelb. Statt Union Jack – BVB-Flaggen. Statt „God Save the King“ – „You’ll never walk alone“. Am Abend spielten die Jungs von Edin Terzic im Wembley-Stadion gegen das weiße Ballett aus Madrid um den Henkelpott. Auch ich war dabei. Was mich allerdings am meisten faszinierte, war weniger das Finale selbst, sondern eine schlichte Parkbank mitten in der Stadt. Sie lud ein zum Verweilen, zum Ausruhen und Innehalten. Mitten auf der Bank eine Frau als Bronzefigur: die Beine lang ausgestreckt, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf in den Nacken gelegt. Darüber ein Plakat in Schwarz-Gelb mit der Aufschrift: Imagine! Eine Hommage an die Legende John Lennon!
„Imagine there’s no heaven“, stell dir vor, es gibt keinen Himmel, heißt es in einem seiner bekanntesten Lieder. Mit Verlaub gesagt: John Lennon glaubte nicht an den Himmel. Er glaubte einzig und allein an sich, an seine Größe, seinen Ruhm, seinen Erfolg: „I don’t believe in Jesus, I just believe in me“, lautete sein Credo.
„Imagine there’s no heaven.“ – Um Himmels willen! Ich möchte es mir gar nicht vorstellen. Denn was wäre unsere Welt ohne die himmlische Musik von Mozart, Bach, Beethoven, Chopin und Verdi. Wie bedauerlich wäre es, wenn zahlreiche Museen schließen müssten, könnten sie nicht Bilder ausstellen, die uns staunen lassen, weil sie himmlisch sind: Bilder von Leonardo da Vinci, Rubens, Michelangelo und Albrecht Dürer. In Bibliotheken blieben Tausende von Regalen leer – du lieber Himmel! – ohne die Werke von Dostojewski, Shakespeare und Dante, ohne die Werke von Thomas Mann, Hermann Hesse und Heinrich Böll, ohne die Schriften des heiligen Augustinus und Thomas von Aquin. Ohne Himmel gäbe es kein Weihnachten, kein Ostern, keine Himmelfahrt Christi, kein Ave Maria für die Himmelskönigin. Ohne Himmel keine himmlische Ruhe, kein himmlischer Friede, keine himmlischen Heerscharen. Ohne Himmel kein Himmelsbrot, keine Himmelsbraut. Ohne Himmel – kein Gott. Um Himmels willen!
„Imagine there’s no heaven.“ – Nein, dieser Vers stinkt zum Himmel, das möchte ich mir gar nicht vorstellen. Denn der Himmel ist zeichenhaft vorgebildet. Wir sehen ihn, sobald wir unseren Blick nach oben richten. Nicht auszudenken, gäbe es kein Firmament über unseren Städten. Kein Himmelblau. Keinen Mond und keine Sterne. Kein Aufschauen zu etwas Größerem, als wir selbst sind. Der Himmel ist Zuflucht, Hoffnung, Zauber, Glückseligkeit. Er steht für Liebe, die nur schenken und nicht nehmen will. Für eine letzte Gerechtigkeit, die auch jene am Kragen packt, die sich auf der Erde durchmogeln konnten. Für eine Heiligkeit, die alle Stars und Ikonen unserer Zeit blass aussehen lässt.
„Imagine there’s no heaven.“ – Nein, das schreit zum Himmel, das möchte ich mir nicht vorstellen. Denn Himmel hat mit Weite, mit Schweben, mit Träumen zu tun. Mit Grenzenlosigkeit. Mit unausdenkbaren, unendlichen Räumen und Möglichkeiten. Die Sterne vom Himmel holen, im siebten Himmel sein: Wer möchte das nicht? „Dem Himmel so nah“ – wo könnte es schöner, angenehmer sein, wo ließe es sich besser zu Hause fühlen? Ja, „Vater unser im Himmel“: Was wären wir Christen ohne dieses Gebet, das weltweit bekannt und in mehr als fünfhundert Sprachen übersetzt wurde? Zu guter Letzt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – dem Himmel sei Dank!
„Imagine there’s no heaven.“ – Nein, ich möchte mir eine Welt ohne Himmel nicht vorstellen, auch wenn das Christentum in seiner über zweitausendjährigen Geschichte viel Unheil angerichtet hat. Atheisten werden nicht müde, empört davon zu erzählen. Aber das Christentum hat zweifelsohne auch Großes, Heilendes bewirkt: Denken wir nur an die Aufhebung sozialer Schranken, an die Fürsorge für Arme, Kranke und Ausgeschlossene. Denken wir an das allgemeine Bildungswesen und die Förderung der Wissenschaften. Nicht zu vergessen die Neubewertung von Arbeit, das klassische Völkerrecht, die Deklaration der Menschenwürde. Dem ganzen Streben lag dabei nichts anderes zugrunde als die Erwartung des Himmels, des himmlischen Jerusalems. Es motivierte einst die Apostel und alle Heiligen sowie in diesen Tagen unzählige Frauen und Männer, Jesus nachzufolgen, ihn zum Vorbild zu nehmen, ihr eigenes Leben auf den Kopf zu stellen und sich mit Herzblut für eine bessere Welt einzusetzen.
„Imagine there’s no heaven.“ – Nein, ich möchte mir eine Welt ohne Himmel nicht vorstellen. Ohne den Himmel, ohne das Jenseits verlieren wir die hoffnungsvolle Perspektive, das eine höhere Instanz für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt. Die Warnung vor dem Jüngsten Gericht hält zwar auch Christen nicht davon ab, Kriege zu führen, Frauen zu schlagen, Kinder zu missbrauchen. Sie hält Muslime nicht davon ab, sich in die Luft zu sprengen, um andere mit in den Tod zu reißen. Sie hält orthodoxe Juden nicht davon ab, über die Zerstörung des Gazastreifens zu jubeln. Würde jedem Menschen bewusst, dass er einmal Rechenschaft ablegen muss für sein Leben – für Hass und Hetze, für Neid und Eifersucht, für Habsucht und Lüge -, es wäre eine bessere Welt, ein Stück Himmel auf Erden.
Heute will ich mich an den 1. Juni 2024 und das Finale im Wembley-Stadion erinnern: Für die Königlichen aus Madrid hing nach dem Schlusspfiff der Himmel voller Geigen; für die Jungs von Edin Terzic war der Himmel mit dunklen Wolken behangen. Und dennoch waren die Fans im siebten Himmel. Sie waren dabei: in London, am Borsigplatz oder zu Hause vor dem Fernseher. Auch wenn das Finale aus Sicht der Borussia mit „0:2“ verloren ging: Die Fußballnacht in Wembley bleibt unvergessen, die Stimmung war grandios und das friedliche Miteinander in London war ein Stück Himmel auf Erden. Ja, was wäre die Welt ohne den Himmel: Sie wäre ärmer und verloren!
„Imagine there’s no heaven.“ – Nein, lieber John Lennon, ich möchte mir eine Welt ohne Himmel nicht vorstellen. Der Himmel bewahre mich davor …
Autor: Markus Winter
